Nebelbank verhindert Stelldichein

Wenn es den Jäger Michael Schulz in sein Revier zieht, steht ihm vor allem nach einem der Sinn: Die Natur in ihrer Vielfalt genießen. Der 79-Jährige versteht sich als Teil des Ganzen und ist auf gute Kontakte zu Naturschützern, Bauern, Förstern und Waldbesuchern bedacht.
Nebelschwaden ziehen am Samstagabend über die Wiesen zwischen Steinfurt und Hartmannsdorf. Kein Tag für einen sicheren Schuss, der sein Ziel garantiert fachgerecht trifft. Diese Maxime hat für Michael Schulz oberste Priorität, wenn er ein Stück Wild erlegen will. Die aktuelle Witterung lässt das nicht zu, stört ihn an sich jedoch nicht. "Alles hat seinen Reiz." Ein wenig enttäuscht ist der 79-Jährige aber schon, wollte er doch den Grund seiner Begeisterung präsentieren, das Naturschauspiel, wenn sich Rehe oder Wildschweine vor seiner Kanzel ein Stelldichein geben und aus nächster Nähe beobachten lassen.

Ein- bis zweimal die Woche geht er zum Ansitz auf eine der gut 30 Kanzeln in dem 720 Hektar großen Jagdgebiet, um das er sich mit drei weiteren Jägern kümmert. Manchmal streift der Hartmannsdorfer mit dem Rucksack und der Flinte über der Schulter durch das Gelände, bricht gegen 22 Uhr zu Hause auf und kehrt erst um 3 Uhr zurück.

Lediglich zwölf Wildschweine und drei Rehe hat im Vorjahr erlegt. Der Abschuss sei notwendig, ihm aber nicht so wichtig. Er verstehe sich als Teil der Landschaft und gehe deshalb nirgendwo anders jagen. Gelegenheit gebe es bei Freunden in Skandinavien, Polen, Kenia. "In der Fremde bin ich nur Gast, und Trophäen haben für mich keine Bedeutung", sagt Schulz.

Für ihn steht über allem die Liebe zur Natur, die Achtung der Kreatur, Hege und Pflege. So hat er sich über all die Jahre ein enormes Wissen angeeignet. "Jäger müssen eng mit Naturschützern, Bauern und Förstern zusammen arbeiten", lautet einer seiner Leitsätze. In seinem Umfeld klappe das sehr gut. Plant ein Landwirt die Mahd seiner Wiesen, gibt er Bescheid, damit Schulz Vorsichtsmaßnahmen treffen kann. Die Ricken liegen zum Beispiel mit ihren Kitzen gern im hohen Gras und wären enorm gefährdet. Das Rehwild achte auf Veränderungen in der Natur. Deshalb stecken die Jäger auf der Wiese Stöckchen mit Fähnchen in die Erde, und schon suchen sich die Tiere einen anderen Platz. "Die Kitze sind somit vor den Maschinen sicher."

Schulz beobachtet auch die Pflanzenwelt, ärgert sich über ungepflegte Gräben, die den Wasserhaushalt auf den Wiesen aus dem Gleichgewicht bringen, zu erhöhtem Nitratgehalt und der Ansiedlung von Pflanzen führen, die nicht hingehören.

Während er Binsen und Hahnenfuß als Beispiel heranzieht, wandert sein Blick zu Kühen auf einem entfernteren Wiesenstück. "Sie sind nervös. Vielleicht ist der Wolf in der Nähe." Schulz weiß, dass es ihn in der Region gibt. Er spricht von einem Trio, das durchzieht und schon Rehe gerissen habe. Weiß er, wo sie sind, hängt er alte Kleidungsstücke zum Vergrämen auf. "Wölfe riechen den Menschen und meiden ihn." Der Jäger wird nicht müde, Interessantes zu erzählen, manchmal kleinste Details. So macht er auf Löcher in einer alten Kiefer aufmerksam. Die blieb extra in Absprache mit dem Förster stehen, weil die alten Spechtlöcher nun Fledermäusen als Sommerquartier dienen.

Das Verständnis für die Natur erhofft er sich auch von den Waldbesuchern, wünscht sich von ihnen mehr Rücksicht. Mit der Dämmerung brauche das Wild halt seine Ruhe. Den Wald dann zu meiden, helfe dem gesunden Miteinander.

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